Haze – Die Drogen sind schuld!
Von Philipp Rogmann • Jul 2nd, 2008 • Kategorien: PlayStation3, ReviewsTweet
Nur selten trifft man auf einen Shooter, der die Meinungen so spaltet wie es Haze aus dem Hause Free Radical schafft. In sich selbst ist dieser Titel schon so wechselhaft, dass eine genaue Betrachtung nur eines zeigt: Ein fertig durch entwickelter Shooter und konsistentes Gameplay gehen anders. Dort wo Genrekönige wie die Call of Duty-Reihe in einer Richtung perfekt gestrickt sind – lineare Missionen durch geniale Atmosphäre gewürzt – und während Titel wie Crysis wiederum völlige Entscheidungsfreiheit propagieren, glänzt Haze mit einer unstimmigen Mischung, die Euch in die dunkle Seite Eures Spielerherzens einführen wird. Von himmelhoch-jauchzend bis total genervt werdet Ihr alles erleben.
Die Geschichte mit dem moralischen Zeigefinger Doch woran liegt das eigentlich? Die Grundgeschichte liest sich spannend und verspricht einige unterhaltsame Stunden vor der PS3: Ihr seid ein Soldat der weltweiten Militärorganisation Mantel und bekämpft Rebellen, die darauf aus sind, globales Chaos anzurichten. Das Geheimnis Eures Erfolges ist die Droge Nectar, welche Euch zu einem Supersoldaten macht und es ermöglicht, schneller und präziser zu kämpfen. Doch die Schattenseite – ja, eine Moral darf nicht fehlen – erfahrt Ihr ebenfalls im Laufe der Storyline. Nectar macht Euch willenlos und zum Spielball der Strategen von Mantel und als Ihr Euch von der Sucht befreit, seht Ihr, was diese machthungrige Organisation mit den Menschen der Erde macht. Auf Seiten der Rebellen nutzt Ihr Euer Wissen über die Droge, um Mantel mit den eigenen Waffen zu schlagen, denn eine Überdosis Nectar zerstört Soldaten. Klingt gut? Ja, die Ideen von Free Radical sind gut. Leider ist die Umsetzung nicht so gelungen, wie man es sich wünschen würde. Es hat den Anschein, als wäre Haze zu schnell auf den Markt geworfen worden – der endgültige Feinschliff fehlt.
Zum einen leidet Haze an den teilweise grottenschlechten Dialogen, bei denen Ihr nicht wisst, ob Ihr lachen oder weinen sollt. Zum anderen ist das Missionsdesign so wechselhaft, dass Ihr das Pad gerne mal in die Ecke schmeißen wollt. Genial designte Parts mit perfekt durchdachten Passagen wechseln sich ab mit linearem Gameplay, das so altbacken wirkt, wie ein Textadventure in Zeiten von 3D-Titeln. Das sorgt dafür, dass Ihr im einen Moment Liebe und im anderen Moment Hass für Haze empfindet – von Minute zu Minute wechselnd. Und der Moralhammer, den dieser Titel auspackt, ist oftmals an der Grenze des Erträglichen. Wenn Ihr beispielsweise das erste Mal das Grauen seht, das Euch die Droge Nectar immer vorenthalten hat, ist das schon harter Tobac.
Welche Droge hätten Sie gern? Das Gameplay ist sehr um Nectar herum gestrickt. Wenn Ihr Granaten mit dieser Droge werft, sorgt die Nectar-Wolke dafür, dass der Gegner eine Überdosis erleidet und sich nicht mehr bewegen kann. Außerdem kann ein Soldat von Mantel keine Leichen sehen – sie werden aus seinem Bewusstsein ausgeblendet. Das könnt Ihr ideal nutzen, in dem Ihr Euch tot stellt und so unsichtbar werdet. Trefft Ihr auf eine Übermacht Mantel-Soldaten, greift Ihr einen der Söldner von hinten an und gebt ihm eine Überdosis Nectar. Nun könnt Ihr in Ruhe zuschauen, wie er seine eigenen Leute bekämpft und Ihr braucht am Ende nur noch die Reste wegzuräumen.
Künstliche Intelligenz ist im Übrigen Mangelware in Haze. Ihr müsst Euch also keine großen Pläne machen und taktisch vorgehen. Das ist der größte Schwachpunkt und entwertet das Gameplay am stärksten. Leider ist diese Dummheit auf beiden Seiten vorhanden, verlasst Euch also niemals auf Euer eigenes Team. Wenn ein Rebell und ein Soldat von Mantel sich gegenüberstehen, kann es schon man sein, dass sie 30 Sekunden lang umeinander herum laufen, bis einer der beiden den anderen endlich nieder streckt. Das mag hin und wieder lustig sein, für einen modernen Shooter auf einer NextGen-Konsole ist das ein Unding.
Aber nicht alles ist so schlecht, wie es klingt, denn Haze ist durchaus ein solider Shooter mit seinen Highlights und genialen Momenten. Besonders das Movement und die Waffen samt Handhabung sind gelungen und geben ein natürliches Gefühl. So kann man durchaus über die eine oder andere Unzulänglichkeit hinweg schauen und Haze als das genießen, was dieser Titel ist: ein Shooter. Ecken und Kanten plus moralischer Zeigefinger sorgen nur dafür, dass Euch dieser Fakt oftmals aus den Augen gerät.
Gemeinsam gegen den Feind Wer von Euch eine Herausforderung von Haze erwartet – was im Licht der grausamen künstlichen Intelligenz nicht möglich ist – muss sich mit bis zu drei anderen PS3-Spielern an die Koop-Kampagne wagen, die durchaus fordernd und spannend ist. Leider gibt es einige Missionen, bei denen die Entwickler vergessen haben, dass es Koop-Play in ihrem Spiel geben soll und sie sind dementsprechend blödsinnig. Die Level mit Fahrzeugen sind allerdings genial, wenn man sich auf einen menschlichen Mitspieler verlassen kann, der nicht – wie die computergenerierten Mannen es öfters tun – in Minenfelder oder Absperrungen fährt. Der Koop-Modus lässt sich zu viert online oder per Splitscreen spielen.
Allerdings ist das Spiel mit anderen nicht unbedingt der beste Aspekt von Haze. Der Multiplayer-Modus, in dem bis zu 16 Spieler gegeneinander antreten können, gibt dem Begriff unbalanciert eine ganz neue Dimension. Man könnte davon ausgehen, dass Mantel-Soldaten durch Nectar Vorteile hätten. Genau das Gegenteil ist der Fall, die Rebellen gewinnen sehr leicht. Das liegt an zwei Spielmechaniken: Zum einen können sie sich unsichtbar machen, indem sie sich tot stellen. In einem schnellen Match hat der Gegner nicht die Zeit, auf so etwas zu achten. Und außerdem können sich die Rebellen durch zweimaliges Drücken der Sprungtaste ducken und sind praktisch nicht zu treffen. Wenn hier nicht nachgepatcht wird, ist Haze einfach nicht gut genug, um es mit der Konkurrenz des Genres aufzunehmen.
Fazit Meinung: Haze ist ein durchschnittlicher Shooter, der durchaus besser hätte sein können. Grafisch schwankt er von brilliant zu unterdurchschnittlich und im Lichte der aktuellen Shooter steht Free Radicals Werk in zweiter Reihe. Die grottige KI macht das Spielvergnügen öfters kaputt und die kurze Spielzeit von etwa sieben Stunden tut ihr übriges. Der gelungene Koop-Modus und die Lichtblicke in manchen Missionen können die Mittelmäßigkeit nicht unterdrücken, unter der der Shooter leidet. Schade, denn die Geschichte und das Drumherum hätten aus Haze einen tollen Titel machen können.












