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Posted 6. September 2010 by Philipp Rogmann in Allgemein
 
 

eSport – Nur Nischensport oder doch schon vollwertiges Sportereignis in Deutschland?


Wieder einer weniger – jetzt seid Ihr auf Euch alleine gestellt. Langsam tastet Ihr Euch vor, wartet an jeder Ecke auf die anstürmenden Gegner. Allein gegen vier andere Profis und Ihr seid nicht mal mehr bei bester Gesundheit. Dann geht alles ganz schnell: Ihr trefft auf die Gegner, habt die bessere Position und trefft vier Mal ins Schwarze. Ende des Spiels, Ihr habt gewonnen. Euer Herz pocht bis zum Hals, aber Ihr habt es geschafft. Kein Film, virtuelle Action im eSport. Training, Durchhaltevermögen und Konzentration – und ein gutes Team. eSport ist keine Nische mehr, sondern ein gutes Geschäft.

Nach meinem letzten Artikel zum Thema eSport bekam ich viele negative Rückmeldungen, Emails und Kommentare. Der Grundtenor war stets derselbe: eSport ist in Deutschland nichts und wird niemals mehr sein als ein Nebenprodukt der Gamesindustrie. War meine Einschätzung so falsch? Es wurde Zeit, den Status Quo zu überprüfen und zu sehen, wie es um den eSport in Deutschland steht. Wo konnte man das besser tun als bei der GamesCom und bei einem Intel Friday Night Game? Einmal Massenveranstaltung, einmal kleineres Turnier und beide Male wurde schnell klar: Der eSport in Deutschland ist aus den Kinderschuhen gewachsen.

Intel Friday Night Game
Ein Intel Friday Night Game – von Kennern nur iFNG genannt – in Hamburg. Perfekter Ort, um die eigene Auffassung vom eSport mit der Realität zu vergleichen. Sehr schnell wurde schon ein Punkt klar: Das Congress Center Hamburg (kurz CCH) war nicht zu groß, sondern eher zu klein. Der große Saal wird normalerweise von Stars der Klassik- und Schlagerszene bespielt und erschien mir persönlich zuerst zu groß, um einen scheinbar kleinen eSport-Event zu beherrbergen. Ich musste mich schnell eines Besseren belehren lassen. Schon ab der ersten Partie war das Haus praktisch voll.

Es begann mit Counter-Strike 1.6 und beide Teams waren sofort voll bei der Sache. Das Publikum war angeheizt, es wurde gejubelt und mitgefiebert. Von der Atmosphäre her, gab es kaum einen Unterschied zu einem kleinen Tennisturnier oder Ähnlichem. Und das Publikum bestand nicht aus denjenigen, die sich viele als Zuschauer eines Computerspiel-Events vorstellen würden. eSport ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, der Nerd von heute ist nicht von anderen zu unterschieden. Dass dies sogar in Bezug auf das Tragen von Ed Hardy- und TapOut-Kleidung gilt, war zu verschmerzen.

Die iFNGs werden von der größten europäischen Liga für Computerspiele ausgetragen, der ESL. Die Electronic Sports League ist kein Sammelsurium von Freaks, die zusammen kleine Veranstaltungen zusammenschustern, sondern ein hochprofessioneller Veranstalter. Das belegen auch die Zahlen: Über zwei Millionen Spieler sind in den einzelnen Kategorien gemeldet und spielen in über 520.000 Teams rund 400.000 Matches pro Monat. Auch der finanzielle Aspekt ist nicht zu verachten: Über 950.000 Euro werden als Preisgelder im Jahr ausgeschüttet. Ständig kommen neue Spiele dazu (zur aktuellen Saison ist gerade StarCraft II dazugekommen) und für Hersteller wird es immer interessanter, Teil des eSports-Zirkus‘ zu werden.

Wo geht’s hin?
Atmosphäre und Zahlen belegen also, dass der eSport in Deutschland schon für die Gamer einen hohen Stellenwert hat. Natürlich sind wir noch nicht so weit wie in Korea. Hier gibt es Fernsehsender, die nichts anderes zeigen als eSport-Matches. Aber das Interesse an Veranstaltungen und Live-Berichterstattung (per Stream, zum Beispiel von ESL.TV) ist enorm. Das wissen auch Hard- und Softwarehersteller, die großzügig nicht nur Teams, sondern auch Veranstaltungen unterstützen. Denn ein Event wie das iFNG ist nicht nur „eSport schauen“, sondern viel mehr. Hier gibt es Anspielstationen der neuesten Games, einen Shop mit Hardware und Fanartikeln und ein Rahmenprogramm, das solche Events einfach zu einem entspannten Abend machen.

Natürlich müssen die Veranstalter, ebenso wie die Spieler selbst, in Deutschland aufpassen, was sie sagen. Zu viele uninformierte Vorurteile sind in den Medien zu lesen. Die ESL hat sich der Sache – mit anderen Herstellern und Veranstaltern – bereits angenommen. Vor jedem Turnier bieten die Experten interessierten Eltern und Lehrern die Möglichkeit, die Spiele selbst zu testen, Fragen zu stellen und sich so zu informieren. Idealerweise wird diese Option gut genutzt, sodass wir endlich in einen fruchtbaren Dialog treten können. Denn wie schon gesagt: eSport ist Sport wie jeder andere. Viel Training, Teamleistungen und gute Vorbereitung sind hier ebenso wichtig wie bei einem Turnier in einem anderen Sport.

Zusammenfassend kann ich nur sagen: Wer noch nicht bei einem Event im Bereich eSport war, sollte das nachholen und nicht einfach nur behaupten, es gebe diese Sportszene in Deutschland nicht. Wenn ein Saal, in dem sonst Tom Jones o.ä. Großkaliber spielen, mit eSport-Interessierten leicht zu füllen ist, muss man nicht lange nachdenken. eSport ist da, ist in der Szene angekommen und wird definitiv immer größer. Die einzige Frage ist: Möchte man dabei sein oder lieber nicht?