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Posted 28. September 2010 by Daniel Wendorf in News
 
 

R.U.S.E. – Strategie mit Specials und gut konstruierter Geschichte


Anthony Beevors Buch „D-Day – die Schlacht um die Normandie“ ist ein echter Krimi. Die exakte Zeichnung der alliierten Invasion in der Normandie ist nicht nur teils erfrischend erkenntnisreich, sondern auch schockierend. Wie egozentrisch die US-Militärs und die britischen Befehlshaber agierten, wie viele Soldaten aufgrund dilettantischer, strategisch unsinniger Entscheidungen sterben mussten, lässt sich nur vage abschätzen. Und wie grausam die Alliierten auch nach der Eroberung ganzer Landstriche gegen die ansässige Bevölkerung vorgingen, Deutsche wahllos erschossen oder anderweitig malträtierten lässt sich in die Kategorie „Kriegsverbrechen“ einordnen. Krieg ist eben keine schöne Sache und in der Tat gibt es nur Verlierer. Wieso ich das Buch in einem Text über R.U.S.E. erwähne? Weil es auch eine Art Handbuch zur Kriegsführung ist, ein Leitfaden, wie man den Gegner täuscht, verwirrt – ein zentrales Spielelement des Ubisoft-Strategiehammers.


R.U.S.E. ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt. So weit, so bekannt. Als Kommandeur der alliierten Streitkräfte ist es eure Aufgabe, die Normandie von den Deutschen und Eurem Gegenspieler zu befreien. Auch bekannt. Das Spielgeschehen findet anfangs auf einem riesigen Tisch statt, auf dem der Generalsstab die jeweilige Landkarte ausgebreitet hat und die Einheitenverbände mit Scheiben markiert hat. Ungewohnt? Schon, denn das Verschieben von Emblemen mag nicht sonderlich taktisch wirken. Deshalb punktet der Titel mit einem anderen Feature: Ihr könnt stufenlos in das Geschehen zoomen und so nicht nur im Großen planen, sondern auch im Kleinen vollenden.

Der Schlüssel zum Sieg ist die Taktik. Und Taktik ist in Kriegszeiten etwas wahnwitzig Dreckiges. Nicht nur muss das Terrain ausgenutzt werden oder die Einheit an der richtigen Stelle eingesetzt werden (z.B. Bazooka immer in den Rücken eines Panzers). Nein, es gibt eine ganze Palette an Kriegslisten, die darauf warten, eingesetzt zu werden. Beispielsweise die Scheinoffensive, bei der kleine Plastikpanzer oder Holzflugzeuge einen Angriff vortäuschen. Reales Vorbild: Die „Landung“ bei Calais zur selben Zeit wie „Operation Overlord“.

Oder das „Tarnnetz“ mit dem die eigenen Produktionsgebäude vor dem Feind verborgen wurden – viele Kriegsfabriken wurden tatsächlich damit ausgestattet oder gar ganz als zivile Einrichtungen getarnt. Bestes und schrecklichstes Beispiel: Die Fabriken in Dresden, die am 14. Februar 1945 zerstört wurden – genau wie ein Großteil der wunderbaren Altstadt. Drei weitere Taktiken seien noch erwähnt: Die „Funkstille“ – Gegner können die eigenen Truppen nicht erkennen. Vorbild? Die Stanniol-Stäbe, die das Radar unbrauchbar machten. Mit der „Dateninversion“ täuscht ihr den Gegner über die wahre Kampfkraft eurer Verbände während der „Fanatismus“ die Truppen bis zum bitteren Ende erbittert kämpfen lässt.

Die Taktiken sind keineswegs nur zentrales Spielelement, wie ihr seht, sondern habe reale Vorbilder und sind dementsprechend in den Kontext des Umfelds eingebunden. Die Lernkurve der Kampagne steigt langsam an, lässt so jedem Neueinsteiger eine Chance, sich erst einmal zu orientieren und mit den komplexen Taktiken vertraut zu machen. Den geschichtlichen Rahmen bietet die erbitterte Feindschaft zwischen eurem Alter Ego und von Richter, einem Nazi-Befehlshaber, dem ihr im Verlaufe der Kampagne öfters begegnet. Die Zwischensequenzen sind nett arrangiert und intoniert und sorgen tatsächlich dafür, möglichst schnell zu erfahren, wie es weitergeht.

Audio-visuell begeistert R.U.S.E. mit detaillierten Landschaften, gelungenen Animationen und moderaten Systemanforderungen. Selbst auf Einsteiger-PC sieht das Spiel ansprechend aus, kann aber selbst auf Hochleistungsrechnern nicht mit dem gleichen Detailgrad wie ein StarCraft 2 punkten. Dafür krachen die Geräusche ordentlich, während die Musik alles passend untermalt. Wer einen Touchscreen am PC angeschlossen hat, kann sich zudem über eine berührungssensitive Steuerung freuen, Konsoleros aller Plattformen werden zudem mit einer tadellosen Pad-Steuerung versorgt.

Fazit:
Insgesamt ist R.U.S.E. also leicht zugänglich, audio-visuell ansprechend, punktet mit gelungen Spezialtaktiken und einer gut konstruierten Geschichte. Es gibt – auch mangels zeitgemäßer Alternativen – keinen Grund, R.U.S.E. zu verpassen, zumal der Titel spielerisch erstklassig ist.