Dies ist definitiv der beste Film des Jahres! Angefangen beim Script von Aaron Sorkin, welches für ihn typisch ein Trommelfeuer durchdachter und intelligent konstruierter Dialoge geworden ist, über das Pacing eines David Fincher, welcher die 2 Stunden weniger mit Action als mit intelligenter Bildsprache gefüllt hat und es schafft die einem nicht-technischen Publikum schwer zu erzählende Geschichte in atemlose, geradezu kalt-analytische Weise zu verpacken, und endet schließlich bei der Leistung des Ensemble-Casts, welcher seine doch sehr atypischen Figuren glaubhaft und menschlich spielt, ohne sie zu Karikaturen verkommen zu lassen.
Der Film beginnt mit einer Initialzündung: Die plötzliche Trennung von seiner (für den Film konstruierten) Freundin Erica setzt bei Zuckerberg eine Kettenreaktion in Gang, in deren Verlauf mehrere sogenannte Fakultäts-”Facebooks” von ihm geknackt werden und die darauf enthaltenen Bilder der Mit-Studentinnen auf einer kurzfristig aus der Taufe erhobenen Webseite “Facemash” nach ihrer Attraktivität bewertet werden können.
Die Tatsache, dass Zuckerberg all dies innerhalb einer Nacht und dazu auch noch im alkoholisierten Zustand fertig gebracht hat, bringt ihm Ruhm und Ehre unter männlichen Stundenten, aber auch Probleme mit der weiblichen Seite der Studentenschaft ein. Auch die Universitätsverwaltung ist wenig begeistert, hat “Facemash” doch das Harvard-Netzwerk in der Nacht effektiv lahmgelegt.
Gleichzeitig werden jedoch auch die Winklevoss-Zwillinge auf diesen “Nerd” aufmerksam, in welchem sie den perfekten Programmierer für ihr Projekt “Harvard Connection” sehen. Doch Zuckerberg hat andere Pläne und so wird innerhalb weniger Wochen “Thefacebook” geboren…
Wie die Story von hier aus weitergeht, möge jeder für sich selbst im Kino erfahren, doch sei auch gesagt, dass sich die Kinokarte wirklich lohnt – vorausgesetzt, man schaut den Film im englischen Original. Denn Aaron Sorkin hat schlichtweg das Talent teilweise ausufernde Dialoge mit spielerischer Leichtigkeit zu schreiben. Man merkt nicht einmal, wieviel Text einem entgegengeworfen wird – und das in teilweise wahnwitziger Geschwindigkeit, v.a. wenn Zuckerberg selbst den Mund aufmacht.
Dennoch fühlt man sich nach 2 Stunden immer noch frisch und nicht von der Masse an Inhalt erschlagen – mehr noch: Man wundert sich, dass der Film “schon vorbei” ist, so sehr vermag die Inszenierung von Fincher einen zu packen.
So zeigt er die Geburt von “Facemash” mit schnellen Schnitten und den ebenso schnellen, kühlen Erklärungen Zuckerbergs in einer Art und Weise, welche durchaus an einen Hacker-Film erinnern könnte. Gleichzeitig vermeidet man es jedoch, auf unrealistische 3D-Kamerafahrten in virtuelle Welten zurückzugreifen, welche aus Hackers seinerzeit geradezu einen B-Movie gemacht haben. In The Social Network fallen jedoch kaum Fachbegriffe, was es Nicht-Programmierern relativ leicht macht, Zuckerbergs Leistung nachvollziehen zu können. Kenner entdecken auf den kurzen, schnellen Schnitten den Linux-Desktop von Zuckerberg, auf welchem er mit Wget-Scripten die Verzeichnisse abgrast und geschmunzelt wird schließlich, als sich ein Ziel als so kompliziert erweist, dass der Harvard-Student erklärt, es sei “an der Zeit, Emacs auszupacken”
Zuckerberg selbst wirkt kühl, analytisch, logisch. Die Vermutung, er zeige eine leichte Form des Asperger-Syndroms, wird der Film nicht begründen, wohl aber verhärten. So fühlt er sich auf einer Party von einem Video-Loop geradezu belästigt, welches thematisch mit dieser nichts zu tun habe. Doch diese Versessenheit auf Korrektheit v.a. in Details oder auch die einfache Mißachtung gewisser sozialer Normen hat er mit vielen Nerds und Programmierern gemein – nicht jeder davon wird Asperger haben.
Man darf auch Ahnungslosigkeit nicht mit bewusster Ignoranz verwechseln: Zuckerberg ist sich der sozialen Normen durchaus bewusst – im Gegenteil: Er durchschaut sie und sieht durch sie hindurch auf den Boden der Tatsachen. Wie sonst ist zu erklären, dass er in jener Nacht “Facemash” gründet oder Facebooks wichtigstes Feature bis heute der Beziehungsstatus ist? Er durchschaut das studentische Leben mit all seinen Parties und Aufnahme-Riten als die Fortsetzung des ewig währenden Balzverhaltens junger Männer auf dem Campus. Die in Bussen zu Verbindungsparties herbeigefahrenen Studentinnen, welche dann auch ziemlich schnell nur noch ihre Unterwäsche am Leib tragen, sind keine Erfindung des Filmes, sondern durchaus Teil einer Welt, welcher Zuckerberg nicht angehören darf, zum Teil aber auch garnicht angehören will.
Man darf den Film jedoch auch nicht über-interpretieren: Zuckerberg selbst hat Facebook nicht aus einer Trennung heraus erfunden oder um es seinen Mit-Studentinnen “heim zu zahlen”, im Gegenteil – er ist immer noch mit derselben Frau zusammen, mit der er schon vor dessen Gründung liiert war.
Denn der Film selbst basiert auf dem Buch “The Accidental Billionaires” von Ben Mezrich, welcher selbst nur Zuckerberg’s ehemaligen Freund und Partner Eduardo Saverin als Informationsquelle nutzen konnte und dieser sich nach der aussergerichtlichen Einigung zwischen beiden vom Projekt zurückzog. Vieles ist dramatisiert, um aus der Entwicklung eine spannende Geschichte zu machen. Um die anderen Seiten der Geschichte zu beleuchten, hat Sorkin glücklicherweise die Mammutaufgabe auf sich genommen, mit allen anderen Protagonisten zu sprechen. Was ihm – außer bei Mark Zuckerberg, der von Facebook selbst vor Fragen geschützt wurde – auch bei fast allen Personen, die wichtig für das Verstehen der Geschichte sind, gelang.
Verdenken kann man es Sorkin jedoch nicht, denn auch wenn nicht alles 100%ig der Wahrheit entspricht, ist der Film spannend, packend und interessant zugleich und lässt ein ganzes Genre wieder auferstehen. Unverständlich jedoch bleibt, warum viele den Film als Angriff auf Zuckerberg selbst werten, denn auch wenn die Art und Weise, wie Saverin aus der Firma geschasst wurde, alles andere als freundschaftlich ist, inszeniert Fincher den Facebook-Erfinder als einen Visionär, welchem Geld und Ruhm egal sind und die Vision alles bedeutet.