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Posted 28. Oktober 2010 by Martin Weber in News
 
 

Fallout: New Vegas – Strahlen, auch wenn’s weh tut…


Die Menschheit lässt sich auch mehrere Jahre nach dem Atomkrieg das Strahlen nicht verbieten und macht einfach das Beste aus der Situation. Fallout zeichnet nun schon mehrere Fortsetzungen hinweg äußerst erfolgreich den Werdegang einer Zivilisation, die eigentlich keine mehr ist. Was von der Spezies Mensch noch übrig ist, hat sich in unterirdische Bunker verkrochen. Dort wartete sie ab, bis sich die radioaktive Strahlung auf der Erdoberfläche auf ein weniger lebensfeindliches Maß reduziert hat und wagte sich erst seitdem wieder nach draußen. Der Überlebenskampf wird seitdem ohne Gnade geführt. Nicht nur mutierte Menschen und Tiere machen seitdem das Leben schwer, auch diverse marodierende Banden leisten ihren Beitrag zum düsteren Zukunftsbild.

Das Spiel mit der dystopischen Zukunftsaussicht hat seine Wurzeln bereits in einer alternativen Zeitlinie gelegt. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam es zur nuklearen Schlacht, die von den USA und China geführt wurde und dabei alles Leben auf dem Planeten auf ein Minimum zurückstutzte. Wer Glück hatte, fand Unterschlupf in einem der Vaults, die unterirdisch angelegt wurden, um für den Fall der Fälle vorzubereiten. Ob es aber wirklich ein Glücksfall war, das große Massensterben überlebt zu haben, sei jetzt einmal dahingestellt. Schließlich wurde auf der Erde nichts weiter hinterlassen als Ödnis, Verwüstung und eine Umgebung, in der nur die Härtesten überleben können – und wollen.

Hier setzt auch der neue Ableger der Fallout-Reihe an und schubst den Spieler direkt hinein in die unangenehme Lage, in die sich die Menschheit selbst hineinmanövriert hat. Dabei wird der Einstieg nicht ganz so emotional geschildert wie beim Vorgänger Fallout 3, in dem man zunächst seine eigene Entwicklung aus den Augen eines Kindes bis hin zur Flucht aus dem Vault als Erwachsener miterlebt hat. Dieses Mal befindet man bereits außerhalb der schützenden Betonmauern und verdient sich sein Geld als Kurier. Eigentlich kein schlechter Job – bis man eines Tages nach der Ablieferung seiner Fracht ein Trinkgeld in Form einer Kugel in den Schädel erhält. Bevor man aber ins Gras beißt, flickt uns ein örtlicher Doc wieder zusammen und richtet uns soweit wieder her, bis wir fit genug für eine Verfolgung dieser miesen Typen sind.

Der Dialog mit dem Medizinmann wird auch dafür genutzt, die ersten Charakterpunkte zu vergeben und das Äußere unserer Spielfigur einzustellen. Wer den Vorgänger schon mal angespielt hat, wird sich schnell wieder einfinden. Auch die grundlegenden Kontrollen wurden nicht verändert. Ballern, Untersuchen oder die Steuerung des Pip Boys bleiben erhalten. Der Pip Boy stellt dabei ein grandioses Tool dar, das von Statistiken über Inventarverwaltung auch die weiteren Charakterfähigkeiten kontrollieren kann. Außerdem können auf einer gespeicherten Minimap Schnellreisen unternommen werden. Soll mal niemand sagen, dass der Atomkrieg den Schaffensgeist der Menschen zurückgeworfen hat. Wirklich wagemutige Spieler steigen nach dem Kurztutorial gleich in den Hardcore-Modus ein und spielen Fallout: New Vegas unter extremen Bedingungen. Normalsterbliche sollten sich aber lieber mit einem der unteren Schwierigkeitsgrade begnügen.

Die Spur unserer Killer führt nach Las Vegas, das teilweise noch erhalten geblieben ist und nach wie vor als Dreh- und Angelpunkt diverser vergnügungssüchtiger Glücksritter herhalten muss. Der Weg dorthin führt durch die Mojave-Wüste Nevadas, die von zwei Fraktionen dominiert wird. Da gibt es auf der einen Seite die Neu Kalifornische Republik, die den Hoover-Staudamm kontrolliert und Caesars Legion auf der anderen Seite, die den Neukalifornischen Soldaten den Kampf angesagt haben. Dem Spieler bleibt dabei völlig offen, ob er der einen Fraktion hilft, oder sich lieber ins Legionärsoutfit zwängt, um als durchgeknallter Centurion Caesar zu huldigen. Ganz wagemutige Naturen versuchen, beide Parteien gegeneinander auszuspielen, was aber auch gründlich in die Hose gehen kann.

Je nachdem, wie der eigene Entscheidungsweg ausfällt, fallen die Reputationspunkte aus. Befreit man eine Gruppe Gefangener aus der Gewalt der Caesars Legion, so wird man sich dort wenig Freunde machen. Überfällt man einen Außenposten der Neu Kalifornischen Republik, steht man bei deren Soldaten auf der Fahndungsliste. Karmapunkte werden auch für das Verhalten in den Ortschaften vergeben: Wer bei unbescholtenen Bürgern einbricht und deren karge Bude ausräumt, kann zwar sein eigenes Inventory wieder auffüllen, verliert aber Karma. Je verrufener man ist, desto verhaltener reagiert die Bevölkerung auf die Begegnung. Einige wertvolle Informationen über den Aufenthalt der eigenen Beinahe-Killer könnten auf diese Weise verloren gehen.

Ebenso breit gefächert wie der eigene Entscheidungsweg ist die Möglichkeit, die Charakterpunkte zu vergeben. Je nach Spielweise können die Talente der Spielfigur ausgebaut werden. Kämpfernaturen skillen ihre Fertigkeiten bei feindlichen Auseinandersetzungen hoch, Jäger und Sammler setzen auf Geschick im Umgang mit Einbruchswerkzeug. Auch das Glück im Spiel kann trainiert werden. In einer Stadt wie New Vegas ist das vielleicht nicht die schlechteste Wahl. Faszinierend, wie viele verschiedene Unterpunkte eingestellt werden können, denn im Kern ist Fallout: New Vegas ein Action-RPG-Adventure wie seine Vorgänger eben auch.

Mit den Innovationen geht Entwickler Obsidian Entertainment sehr behutsam um. Vielleicht wollte man den Spieler nicht mit zu vielen Neuerungen überfordern, vielleicht wollte man sich aber auch nicht der Kritik aussetzen, aus der überaus Erfolgreichen Lizenz ein völlig neues Spielerlebnis gezimmert zu haben. Daher beschränken sich die Veränderungen auf einige Details wie Waffenmodifikationen oder den Ausbau mancher Fähigkeiten. Hier wollte Obsidian wohl eher auf Nummer Sicher gehen und sich nicht wieder den Vorwurf gefallen lassen, ausschließlich mittelprächtge Sequels zu großartigen Lizenzen abzuliefern. Eigentlich unbegründet, schließlich hat das Studio mit Alpha Protocol gezeigt, dass die Entwickler durchaus in der Lage sind, originelle Games abzuliefern. Zudem kam das Studio ziemlich gut mit der unglaublich großen Spielwelt und ihren hunderten Städten, Siedlungen, Außenposten oder Räuberlagern zurecht, so dass die Spielzeit die 20-Stunden-Marke locker übersteigt, wenn man alles von New Vegas gesehen haben will.

Ein echtes Wiederhören feiern die Fans mit einigen Teilen des Soundtracks. Der stammt nämlich aus den vorangegangenen Episoden und bietet von Swing über Easy-Listening der Fifties einiges an Nostalgie. Wie gut, dass der Pip Boy auch als Radio fungieren kann. Die Synchronisation ist obendrein auch recht gut gelungen, wenn auch einige Charaktere etwas lustlos wirken. Schon allein der seltsame Cowboy-Roboter der Beginner-Siedlung ist aber ein gespitztes Ohr wert. Auch die Umgebungsgeräusche sind aus den alten Teilen bekannt und lassen keinen Grund zur Beanstandung zu. Hier wurde wiederum sorgfältiger gearbeitet.

Rein technisch merkt man allerdings schon, dass da einige Entwicklungen an der Serie vorbei gegangen sind. Die Umgebungen sind oftmals grob texturiert, während die Spielfiguren seltsam steif animiert durch die Szenerie staksen. Hier wäre eindeutig mehr drin gewesen. Außerdem kommt es oftmals zu unangenehmen Programmfehlern, die sich nicht nur auf lustige Clipping-Ungereimtheiten oder Ruckler beschränken: Es kann schon mal sein, dass sich ein wichtiger NPC nicht mehr an der Stelle befindet, an der er eigentlich stehen sollte, um eine Quest abzuschließen, oder dass die Spielfigur so unglücklich hängen bleibt, dass nur noch der letzte Speicherstand aus der Lage befreit. Glücklicherweise kann das Spiel jederzeit gespeichert werden, so dass man vom letzten Speicherpunkt wieder beginnen kann. Wer häufig speichert, wird diese Fehler also nicht allzu sehr verfluchen. Ärgerlich sind sie dennoch.

Fazit:
Wie schon bei Fallout 3 dominiert auch in New Vegas der Zerfall: Die Spielwelt zeichnet eine beklemmende Dystopie, in der kein Stein auf dem anderen liegt, sich kein Mensch aus reiner Nächstenliebe in Bewegung setzt und die Gesellschaftsnormen wie wir sie kennen keinerlei Bedeutung mehr haben. Der Zerfall setzt sich aber leider auch durch das Spiel selbst fort: Die Engine ist allmählich in die Jahre gekommen und kann mit aktuellen Software-Entwicklungen nur noch schwer Schritt halten. Texturen wirken oftmals grob, Bugs und Clippingfehler müssen erst einmal weggepatcht werden und KI-Aussetzer sorgen für unfreiwillige Komik. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt ein lupenreines Abenteuer aus der Welt nach dem großen Knall. Reminiszenzen an Mad Max sind klar und deutlich zu erkennen, wenngleich es in New Vegas um einiges durchgeknallter zur Sache geht. Der typische Fallout-Humor kommt auch im neuen Teil zum Tragen und wiegt die erfahrenen Spieler zumindest in einem Punkt in Sicherheit: Der spielerische Qualitätsanspruch hält auch den technischen Fehlern Stand. Schnell taucht man in die Story ein, entwickelt seinen Charakter, erledigt hier und da seine Aufgaben und gerät schnell zwischen die Fronten der Fraktionen, die sich überall bekriegen. Die lange Spielzeit und die überaus große Spielwelt bieten dabei richtig viel Fleisch, in das  RPG-Freaks mit Hang zu Endzeit-Desastern nach Herzenslust ihre Zähne schlagen und sich Stunde für Stunde verbeißen können.