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Posted 12. November 2010 by Martin Weber in News
 
 

Spec Ops: The Line – Anarchistische Schreckensvisionen für Erwachsene


In diesem Jahr erreichte uns auf der E3 ein Trailer, der für reichlich Zündstoff sorgte. Zu sehen gab es das einst blühende Dubai, versunken in Chaos und Kriegswirren. An den Straßenlaternen schwangen gehenkte Soldaten im Takt des Windes – je weiter die Kamera zurückfuhr, um eine Totale einzufangen, desto unerträglicher schien das Ausmaß der Brutalität zu sein. Selten ruft ein Gametrailer derart viel Irritation hervor. Selbst hartgesottene Redakteure fragten sich, was Computer- und Videospiele zeigen dürfen. Mit gemischten Gefühlen gingen wir also in die Gamescom-Präsentation und erwarteten weitere Schockmomente, die einfach nur Kontroversen anfachen sollen. Was wir stattdessen jedoch bekamen, war ein weiterer Eindruck, der unsere Voreingenommenheit relativieren sollte.

Sicherlich, ein Spiel für Pazifisten steht nach wie vor nicht ins Haus, aber der befürchtete Selbstzweck bei den Gewaltdarstellungen blieb zum Glück aus. Viel mehr wird Wert auf die Story gelegt, die sich vom Kriegsspiel-Einerlei anzuheben versucht. Dass die Action dabei nicht zu kurz kommt, versteht sich wohl von selbst. Erwarteten wir zunächst ein vom Hurra-Patriotismus beseeltes Stück Military-Shooter, so bekamen wir düstere Endzeit-Action fernab vom „Böser fundamentalistischer Terror contra unbescholtener Westen“ zu Gesicht. Das steht dem Spiel auch besser als sterbende Turbanträger, die im Wüstensand ihren letzten Lebensseufzer röcheln.

Schuld an dem Ausnahmezustand ist vielmehr ein Sandsturm, der das arabische Emirat von der Außenwelt abgeschnitten hat. Die Amerikaner haben einen Befehlshaber der Delta Force vor Ort, von dem aber ebenfalls jede Spur fehlt. Ein nachgesandter Rettungstrupp soll nun endlich Klarheit in die undurchsichtige Lage bringen. Was sie vorfinden, ist ein Land, das vor kurzer Zeit noch ein Synonym für Reichtum und Wohlstand war – jetzt ist es allerdings nur noch ein Fall für die humanitären Hilfsorganisationen dieser Welt. Wo vor einigen Tagen noch die Scheichs in ihren luxuriösen Büros dem Tagesgeschäft nachgingen, herrscht nun beklemmende Leere. Nicht ein Office ist besetzt, nicht eine Menschenseele zu sehen, die vielleicht einen Hinweis auf die Umstände geben könnte. Leichen, Trümmer und die Spuren ausgiebiger Plünderungen bestimmen jetzt das Bild.

Je tiefer das Platoon ins Land eindringt, desto häufiger werden die Soldaten aus dem Hinterhalt angegriffen. Da hilft nur Taktik und Teamwork. Im Schutze der zahlreichen Edel-Karossen, die fahruntüchtig auf der Straße herumstehen, nähern sich die US-Kämpfer den Übeltätern und müssen hilflos mitansehen, wie Zivilisten gefoltert und exekutiert werden. Nun heißt es Handeln, aus der Deckung heraus operieren und weitere unschuldige Opfer vermeiden. Leider ist der Heimvorteil  mit den Marodeuren, die gnadenlos das Feuer eröffnen. Die Ausrüstung der Hilfstruppe rettet aber vor einem schlimmen Ausgang, außerdem hilft die Erfahrung im Kampf – und einer KI, die überdurchschnittlich gute Unterstützung in den Gefechten bieten soll.

Es ist nicht häufig, dass die Reaktionen auf eine Präsentation zwar still sind, aber nicht das peinliche, diplomatische Schweigen bedeuten, wenn man gerade einen Heuler gesehen hat, der das Geld der Rechner nicht wert ist, auf denen er programmiert wurde. Die Stille nach Spec Ops: The Line war vielmehr die Zeit, die es braucht, um das Gesehene zu verarbeiten. Hier wurden nun mal keine strahlende Helden, die in jeder Situation das Richtige tun gezeigt, keine harten Hunde, die sorglos mit Menschenleben jonglieren und auch keine ironischen Ansätze eines supercoolen Duke Nukems deutlich. Was Entwickler Yager Development vorschwebt, ist die bittere Realität des Krieges und einer humanitären Katastrophe. Das ist mit Bravour gelungen.

Atmosphärische Verstärkung bekommt das Game zusätzlich durch den Look. Seine blassen Wüstenfarben und die vielen düsteren Ecken werfen ein bedrückendes Bild auf das versandete Dubai. Jedem Moment wähnt man einen aufgemotzen V8 ankommen, aus dem Mel Gibson alias Mad Max entsteigt. Wenn unsere Einheit dann im inneren eines mondänen Bürokomplexes mit den ersten Auswirkungen des landesweiten Unglücks konfrontiert wird, geht es reichlich heiß her. Explosionen ballern den Spielfiguren um die Ohren, Trümmer stürzen auf die Kämpfer herab und Deckung wird wichtiger denn je. Glücklicherweise funktioniert lassen sich die Soldaten in der Third-Person-Ansicht wunderbar steuern. Auch das Deckungssystem erscheint ziemlich ausgereift zu sein.  Die Marschrichtung wird bereits in diesen Anfangsminuten vorgegeben, sicherlich wird es weiterhin reichlich actionbetont werden. Wann genau in 2011 der Titel nun erscheint, ist nicht bekannt, aber 2011 gilt als sicher – und lässt noch genügend Zeit den reifen Anstrich noch zu vertiefen.

Fazit:
Selten wird man auf einen Höllentrip so sehr mitgenommen, dass man hinterher ein wenig Zeit braucht, die Pixelbilder zunächst einmal sacken zu lassen. Klar ist, dass Spec Ops: The Line ein Third-Person-Shooter für Erwachsene ist. Die Szenen von Exekutionen und die anarchistischen Schreckensvisionen sind nichts für Kinderaugen. Abseits von der atmosphärischen Beklemmung schält sich ein reifer Actioner heraus, mit einem ausgeklügelten Deckungssystem, brauchbarer Partner-KI und allerhand Dramatik. Auch auf technischer Seite wurden uns Bilderbuch-Umgebungen präsentiert, die keinen Grund ließen, das Haar in der Suppe zu suchen. Hoffentlich wird auch ein Multiplayer-Part oder gar eine Online-Lobby eingebaut, die den Spielspaß noch potenzieren dürfte. Dann ist 2011 zumindest für Actionfans gerettet.